Die gegenwärtigen Probleme seien nicht nur durch die Wirtschaftskrise und die Tatsache bestimmt, "dass die Werbemärkte in einem Jahrzehnt nun schon zum zweiten Mal zusammengebrochen sind", sondern auch durch einen Strukturwandel. Als Kernfaktoren dieses Strukturwandels bezeichnete er Technisierung und Geschwindigkeit, Grenzüberschreitung und Globalisierung "mit heute schon spürbaren Konsequenzen für die so genannte Verantwortungskultur" sowie Medialisierung, also das Faktum, "dass die Medien die Regeln des öffentlichen Lebens weitgehend bestimmen".
"Qualitätsmedien behalten ihre Berechtigung"
Trappel präsentierte sechs Thesen zu Folgen dieses Wandels und sparte dabei durchaus nicht mit kritischen Kommentaren:
- "Ausdifferenzierte und globalisierte Gesellschaften brauchen Qualitätsmedien und Kontrolle", so seine erste These. "Auch wenn sich das soziologische Konstrukt der Informations- und Wissensgesellschaft immer mehr als 'Salzburger Nockerl' erweist, nämlich als Gebilde aus heißer Luft, das zusammenfällt", gebe es unbestritten eine "Nachfrage nach Information, Einordnung, Kommentar und nach Meinung".
Ob das nicht auch die Blogger können? "Nein", so Trappel, "das können sie nicht." Eine Studie in den USA habe nachgewiesen, dass sich 98 Prozent der Meldungen, die etwas mit relevanten Nachrichten zu tun haben, auf Zeitungen und klassische Medien beziehen. "Die Social Networks leben von dem Input, den ihnen die klassischen Medien liefern", so der Kommunikationswissenschafter. Kurz und bündig: "Qualitätsmedien behalten ihre Berechtigung." - Die zweite These: "Die Medienkrise ist eine Strukturkrise. Ohne Gegenmaßnahmen wird die Medienkrise eine Konjunkturerholung überleben." Kennzeichen dieser Strukturkrise sei beispielsweise die komplexe Verbindung von nicht mehr tragfähigen Geschäftsmodellen oder von "ausgedünntem Journalismus".
"Schwindende Relevanz" - "der eigentliche Feind der Medien"
- Dass kleine Länder - wie etwa die Schweiz oder Österreich - besser durch Konjunkturkrisen kommen, aber leichter in gefährlichere Relevanzkrisen schlittern, nannte Trappel als dritte These. Den Grund für die günstigere Bewältigung konjunktureller Einbrüche sieht er darin, dass kleine Länder intern besser vernetzt sind, "weil sich die Akteure näher kennen". Trappel: "Wir haben es hier mit einer Verflechtung innerhalb einer sehr überschaubaren Branche zu tun. Trotzdem steht dabei viel auf dem Spiel, nämlich die Glaubwürdigkeit und die Relevanz." Unter Relevanz müsse dabei Glaubwürdigkeit, Wichtigkeit, insgesamt Bedeutsamkeit verstanden werden. Informationen seien dann relevant, wenn sie Menschen weiter verwenden, also "Anschlusskommunikation" möglich machten. Den eigentlichen "Feind der Medien" sieht er deshalb in einer "schwindenden Relevanz für die Lebensbewältigung", womit auch der "Verlust an gesellschaftlicher Relevanz" verbunden sein kann.
- Daher, so die vierte These: "Die Strukturkrise darf nicht zu einer Relevanzkrise werden." Deshalb warnte Trappel davor, dass "im Rahmen so genannter Strukturanpassungsprozesse relevante Inhalte dem Rotstift zum Opfer fallen". Um ihre Relevanz zu sichern, müssen die Printmedien hohe Qualität bieten. Eine wichtige Organisationsaufgabe für Medienhäuser verlegerischer Herkunft sieht der Medienexperte darin, "die Aufbau- und Ablauforganisation nach Relevanzkriterien und nicht nur nach Kosten" zu durchforsten.
"Es geht um den Blick für das Wesentliche"
- Relevanz, so die fünfte These, sei keine Frage der Größe, sondern eine der Kreativität, der Partizipation und der Empathie. "Es geht um den Blick für das Wesentliche", unterstrich Trappel, der "die Feinde der Relevanz" in Routine, Zeitdruck, Stress, Stubenhockerei des journalistischen Alltags ausmacht.
- Sechstens schließlich: "Erfolgskonzepte für die Zukunft sind nicht in der Controllingabteilung zu finden." Medien, die zukunftsfähig sein wollen, müssen der Relevanz verpflichtet sein und sich durch Qualität differenzieren. "Und die Recherche von relevanten Beiträgen kostet Zeit - und Geld."
Münchau: "Mut zur Lücke, zur Spezialisierung"
Die Fokussierung auf das Wesentliche sprach auch Wolfgang Münchau, Direktor des Wirtschaftsinformationsdienstes Eurointelligence.com sowie Europa-Kolumnist der "Financial Times" in seinem Vortrag über die "Kernschmelze im Finanzsystem und ihre Auswirkungen auf die Medien" an. Er kreidete den Printmedien an, "flächendeckendes Sparen" betrieben und "zu wenig intelligente, an Wichtigkeit orientierte Sparmaßnahmen" gesetzt zu haben. Seiner Meinung nach wäre der "Mut zur Lücke, zur Spezialisierung" gefragt, weshalb er den Verlegern ermpfahl:
- "Machen Sie nicht Durchschnittliches für alle, sondern Spitzenklasse für einzelne Communities.
- Versuchen Sie nicht, die Zeitung mit all ihren Genres ins Internet zu quetschen - Hintergrund, Analyse, Kommentar sind typisch Zeitung.
- Denken Sie inhaltlich, orientieren Sie Ihre Websites nicht an Clickrates.
- Und was die Blogger angeht: If you can't beat them, join them."
Die Finanzkrise, merkte Münchau an, habe die Medien unvorbereitet getroffen, auch der Finanzjournalismus habe die Zusammenhänge nicht oder viel zu spät erkannt und habe sich insgesamt vom klassischen Journalismus weg und hin zum Nutzwertjournalismus mit einer Tipp-Kultur entwickelt. Im Zuge der Krise wurden Informations- und Wissensdefizite offenkundig, weshalb viele Zusammenhänge "weit gehend unverstanden" geblieben sind. Das habe nicht zuletzt zu einem "Aufkommen spezieller Dienst in Konkurrenz zu den klassischen Medien" geführt.



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