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VÖZ-WOCHENZEITUNGSTAGUNG 2013

Das Glück der lokalen Verleger

(2013-09-25) Bei der VÖZ-Tagung der Gruppe Wochenzeitungen und Magazine am 19. und 20. September in Feldkirchen an der Donau standen neben den Chancen der Digitalisierung für Lokalverlage auch Social Media-Aktivitäten für Verlage sowie kreative Beispiele für Print-Werbeeinschaltungen auf der Tagesordnung.
Der Journalist Peter Littger begann sein Referat mit einer Zukunftsprognose: "Die gedruckte Zeitung wird es auch 2020 noch geben. Aber mit deutlich geringen Auflagen." Als Problem der Zeitungen ortet Littger vor allem die Verwechselbarkeit. "Vielen deutschen Zeitungen mangelt es an Alleinstellungsmerkmalen am Markt.“ Hierbei sieht er „das Glück der lokalen Verleger". Denn die Bedeutung der Regionen nehme zu. Die Nähe zum Kunden wäre eine Stärke der regionalen Verlage gegenüber Google. 

 

Nutzern fehlt die Zeit zur Zeitungslektüre

 

Thomas Pohne, Leiter Internationale Forschung rheingold salon, machte mit seinem Referat "Erwartungen an eine Zeitung der Zukunft" den Anfang. Seine Kernthese war: Die Individualisierung der Gesellschaft wirkt sich auch auf den Medienkonsum aus. "Ein Buchhalter kann heute ein Punk sein, der kleine Kätzchen mit der Flasche aufzieht. Ein Mann kann sich in der Früh eine Gesichtscreme auftragen und am Nachmittag Harley Davidson fahren. Das wäre früher nicht denkbar gewesen, heute ist es normal." Genauso habe sich auch der Tagesablauf der Menschen geändert. Der klassische Tagesverlauf eines Medienkonsumenten – die Zeitung in der Früh, das Radio tagsüber und Fernsehen am Abend – gelte heute nicht mehr. "Printmedien haben ihren festen Platz im Tagesverlauf ein Stückweit verloren", diagnostizierte Pohne. Die Lektüre der Tageszeitung war vielerorts ein Ritual, auch teilweise am Arbeitsplatz etwa beim Frühstück oder in der Mittagspause. Heute sei der Alltagsrhythmus zersplittert, es gebe kaum mehr Pausen, darunter leide die Zeitungslektüre. "Man weiß nicht mehr so richtig, in welchen Nischen des Tages man die Zeitung unterbringen soll." So sei auch das häufigste Argument bei Abokündigungen, dass den Menschen die Zeit zum Lesen fehle.

 

Trotzdem haben die klassischen Medien noch immer eine zentrale Bedeutung. Die deutsche "Tagesschau" sei noch immer der Inbegriff der Seriosität, Fachzeitschriften hätten noch immer dieselbe Funktion wie vor der Digitalisierung und Tageszeitungen werde weiterhin hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben. "Wochenzeitungen können den Lesern ein inhaltliches Angebot machen." Im Gegensatz zu den Tageszeitungen werde hier nicht durch die Konkurrenz der elektronischen Medien vorgegeben, was tagesaktuell zu berichten sei. Auch sei die gedruckte Zeitung weiterhin wichtig für die Werbewirtschaft. Werbebotschaften werden in Zeitungen auf Papier besser erinnert als im Web.

 

Mehr Service im Journalismus

 

Ulrike Langer, Fachjournalistin für digitale Medieninnovationen, sprach zum Thema "Mehr Relevanz für lokale Medien". Sie zeigte praktische Beispiele aus den USA zum lokalen Journalismus, aber vor allem zum Datenjournalismus. Sie plädierte für mehr Service im Journalismus. Im Zuge einer Krise wie beim Hurrican Katherina sei für die Bevölkerung meist nicht so wichtig, was passiert sei, sondern wo es beispielsweise Benzin gäbe. Open-Data sei in diesem Bereich zentral, als Beispiele führte sie eine Karte aller US-amerikanischen Waffenbesitzer in einer Region an ebenso wie eine Fluglärm-Karte in der "TAZ". Lokale Informationen ließen sich gut vermarkten, zeigte sich Langer überzeugt. Zeitungen sollten den lokalen Raum gemeinsam mit den Nutzern gestalten. Als Exempel nannte Langer ein US-amerikanisches "Newsroom Cafe". Hier hält eine Tageszeitung ihre Redaktionskonferenzen öffentlich ab. Die Bürger könnten sich aktiv einbringen und mitdiskutieren.

 

"Willkommen in der Post-PC-Ära. Die mobile Internet-Revolution steht bevor", erklärte Heiko Scherer, Eigentümer und Geschäftsführer der clapp mobile gmbh. Das Internet werde immer weniger auf Standcomputern genutzt und immer mehr unterwegs auf Tablets und Smartphones. "Der Kontext, in dem Menschen digitale Inhalte lesen, hat sich so stark gewandelt, dass man nur mehr von einer Revolution sprechen kann." Das habe Auswirkungen auf den Medienkonsum: "86 Prozent nutzen mobiles Internet während sie fernsehen. Denn das TV-Programm ist nun einmal die meiste Zeit langweilig", so Scherer. Verlage müssten ihre Technologie-Kompetenz ausbauen und dabei jedoch den Nutzer und nicht das Gerät in den Fokus stellen. Als Beispiel für mögliche Geschäftsmodelle für die Medienbranche nannte er die Flatrate von Spotify. "Es reicht nicht mehr, alleine Inhalte herzustellen. Es gibt extrem viele Inhalte", so Scherer, daher müssen die Content-Strategien lokaler Verlage vor allem im aggregieren und kuratieren von Inhalten bestehen.

 

Am Abend des ersten Tages traf die Gruppe der Wochenzeitungen und Magazine auf Einladung des oberösterreichischen Landeshauptmannes Josef Pühringer in den historischen Redoutensälen in Linz zusammen. "Oberösterreich ist herzeigbar, sonst hätten wir Sie nicht eingeladen", begrüßte Pühringer die Abordnung der Wochenzeitungen und Magazine unter der Führung von VÖZ-Vizepräsident Harald Knabl. Der oberösterreichische Medienmarkt sei "bunt" und auch sehr kompetitiv: neben starken regionalen Kaufzeitungen berichten auch Bezirk-TV und Gratis-Zeitungen.

 

Zusatzgeschäft durch Organisation lokaler Messen

 

Achim Abele von der "Ludwigsburger Kreiszeitung" startete mit seinem Vortrag mit einer Fülle an kreativen Best Practice-Beispielen, wie Discounter und Einzelhandel für Werbeeinschaltungen in lokalen Medien zu gewinnen sind. Für die "Ludwigsburger Kreiszeitung" sei das Immobiliengeschäft noch immer extrem wichtig, so habe seine Zeitung jeden Samstag sechs bis acht Seiten Immobilienanzeigen. Im Anzeigengeschäft komme man aber ebenfalls an einer „vernünftigen“ Verknüpfung von Print und Online nicht vorbei. Darüber hinaus organisiere sein Verlag Veranstaltungen und lokale Messen zum Beispiel zum Thema Gesundheit. Diese Dinge werden alle inhouse organisiert.

 

Thomas Trapp, Redaktionsleiter der Saarländischen Wochenblatt Verlagsgesellschaft, sprach über Chancen von Social Media für Verlage und konzentrierte sich dabei vor allem auf Facebook. "Soziale Netzwerke sind eine echte Bereicherung für den Journalismus und die Verlage", zeigte er sich überzeugt. "Zeitungen lernen reden. Aus Publizieren wird Kommunizieren." Redakteure müssten dabei mit Nutzern auf Augenhöhe kommunizieren, auch mit Kritik umgehen lernen und Fehler eingestehen. "Das ist mitunter gewöhnungsbedürftig, aber es ist notwendig."



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Peter Littger: "Die gedruckte Zeitung wird es auch 2020 noch geben. Aber mit deutlich geringen Auflagen."  © VÖZ / Csar
Peter Littger: "Die gedruckte Zeitung wird es auch 2020 noch geben. Aber mit deutlich geringen Auflagen." © VÖZ / Csar
Die Gruppe der Wochenzeitungen traf auf Einladung des oberösterreichischen Landeshauptmannes Josef Pühringer in den historischen Redoutensälen in Linz zusammen. © VÖZ / Csar
Die Gruppe der Wochenzeitungen traf auf Einladung des oberösterreichischen Landeshauptmannes Josef Pühringer in den historischen Redoutensälen in Linz zusammen. © VÖZ / Csar

Achim Abele: Im Anzeigengeschäft komme man an einer „vernünftigen“ Verknüpfung von Print und Online nicht vorbei. © VÖZ / Csar„Willkommen in der Post-PC-Ära. Die mobile Internet-Revolution steht bevor“, erklärte Heiko Scherer. © VÖZ / Csar
Thomas Pohne: "Man weiß nicht mehr so richtig, in welchen Nischen des Tages man die Zeitung unterbringen soll." © VÖZ / Csar Thomas Trapp: "Soziale Netzwerke sind eine echte Bereicherung für den Journalismus und die Verlage." © VÖZ / Csar
Ulrike Langer plädierte für mehr Service im Journalismus. © VÖZ / Csar